Warum ich mich im Netz aus Diskussionen heraushalte

Jennifer Holst • 19. September 2026

...und kaum Beiträge poste

Manchmal werde ich gefragt, warum man von mir auf Social Media so wenig liest.

Wer mich und meine Arbeit bei Wald & Hund kennt, weiß, dass ich viel draußen bin. Ich schätze die Klarheit, die Ruhe und den echten, unaufgeregten Austausch. Genau deshalb halte ich mich aus digitalen Diskussionen bewusst heraus.


1. Echte Veränderung passiert in der Praxis

In der Hundewelt gibt es zu fast jedem Thema viele verschiedene Sichtweisen – sei es zur Ernährung, zu Erziehungsmethoden oder zum Dummytraining. Häufig sind diese Themen mit viel Emotionen verbunden.

Ein Blick auf digitale Diskussionen zeigt jedoch, dass es dort selten um tiefgehendes Verstehen geht, sondern oft um den schnellen Austausch von Argumenten. Als Hundetrainerin erlebe ich täglich, dass es keine Pauschallösungen gibt. Jedes Mensch-Hund-Team ist individuell, und komplexe Prozesse lassen sich kaum in einen kurzen Text fassen.

Wer diskutieren möchte, sucht oft nach Bestätigung. Wer hingegen trainieren will, muss hinschauen, zuhören und kleinschrittig an den Grundlagen arbeiten. Meine Energie investiere ich daher lieber direkt in die praktische Arbeit mit Mensch und Hund.


2. Die Dynamik digitaler Kommunikation

Ein wesentlicher Grund für meine Zurückhaltung ist die Art und Weise, wie online oft kommuniziert wird. Hinter Bildschirmen fallen Formulierungen manchmal deutlich schärfer aus, als man sie im persönlichen Gespräch von Mensch zu Mensch wählen würde.

Online-Kommunikation folgt eigenen Regeln:

  • Sichtbarkeit: Aufmerksamkeit ist im Netz eine zentrale Währung, weshalb zugespitzte Aussagen oft mehr Reichweite erzielen als sachliche Zwischentöne.
  • Bestätigung in Netzwerken: Viele Beiträge zielen darauf ab, Gleichgesinnte zu erreichen, anstatt einen offenen, ergebnisoffenen Dialog mit Andersdenkenden zu führen.
  • Frequenz: Es entsteht oft der Druck, kontinuierlich präsent zu sein, unabhängig davon, ob es gerade ein inhaltlich neues Thema gibt.


Für mich hat diese Art der Kommunikation keinen nennenswerten Mehrwert.


3. Perfektionismus und Selbstdarstellung

Was mir ebenfalls auffällt, ist die stark inszenierte Darstellung auf vielen Profilen. Häufig entsteht der Eindruck einer makellosen Realität, in der alles reibungslos läuft – vom gehorsamen Hund bis zum stressfreien Alltag.

Diese ständige Präsentation einer heilen Welt kann auf andere belastend wirken, weil sie den Eindruck erweckt, Abweichungen davon seien Fehler. Echte Entwicklung in der Arbeit mit Hunden ist jedoch unperfekt. Sie verläuft in Etappen mit Rückschritten und Fehlern und passt selten in ästhetische, stark verkürzte Formate. Ich habe das Bedürfnis verloren, eine glänzende Fassade aufrechtzuerhalten, die den Blick auf die Realität verstellt.


4. Ein Blick auf die eigene Entwicklung

Das sage ich nicht, weil ich mich von diesen Mechanismen freispreche. Früher war ich selbst in diesem Bereich aktiver.

Auch ich kannte den inneren Druck, regelmäßig etwas posten zu müssen, weil es der Algorithmus scheinbar verlangt, oder mich an Diskussionen zu beteiligen, nur um sichtbar zu bleiben. Man lässt sich von dieser Dynamik schnell anstecken.

Mit wachsender Erfahrung hat sich meine Haltung jedoch geändert. Der kontinuierliche digitale Austausch hat mir auf Dauer nichts gegeben, was für meine Arbeit relevant wäre. Wer diesen Schritt einmal macht, bewertet die eigene Online-Präsenz oft völlig neu.


5. Der Ausgleich in der analogen Welt

Draußen in der Natur oder auf dem Trainingsplatz gelten andere Maßstäbe. Hier zählen Präsenz, Aufmerksamkeit und der Moment. Wenn ein Hund eigene Pläne hat oder ein Team Unterstützung sucht, helfen weder virtuelle Debatten noch inszenierte Posen.

Nach einem Tag mit intensiver, empathischer Arbeit sehne ich mich in der Freizeit vor allem nach Ruhe. Das Internet empfinde ich oft als reizüberflutet, weshalb der bewusste Rückzug für mich einen guten Ausgleich darstellt.


6. Qualität vor Quantität

Einfach nur zu posten, um im Algorithmus präsent zu sein, entspricht nicht mehr meinem Anspruch. Wenn ich Inhalte teile, sollen sie Hand und Fuß haben und einen echten Einblick in unsere Arbeit geben.

Daher gilt für mich: Lieber seltener etwas veröffentlichen, als Inhalte rein um der Frequenz willen zu produzieren.


Fazit: Fokus auf das Wesentliche

Es ist völlig in Ordnung, eine klare Haltung zu haben und diese zu vertreten. Für mich habe ich jedoch festgestellt, dass meine Zeit an anderen Orten besser aufgehoben ist: im direkten Miteinander, im Training und in der Natur.

Wer sich im echten Leben sachlich und auf Augenhöhe austauschen möchte – jederzeit gerne. Das digitale Geschehen überlasse ich inzwischen anderen. Manchmal ist es am wirksamsten, den Bildschirm auszuschalten, durchzuatmen und rauszugehen.