Warum ich mich im Netz aus Diskussionen heraushalte

Jennifer Holst • 5. August 2026

...und kaum Beiträge poste

Manchmal werde ich gefragt, warum man von mir auf Social Media oder in den unendlichen Weiten des Internets so wenig liest. Keine Debatten, keine Diskussionen über Hundetraining, keine Kommentare zu tagesaktuellen Reizthemen.

Wer mich und meine Arbeit bei Wald & Hund kennt, weiß: Ich bewege mich beruflich und privat viel draußen. Ich schätze die Klarheit, die Ruhe und den echten, unaufgeregten Austausch. Und genau deshalb halte ich mich aus dem digitalen Dauer-Disput bewusst heraus.


1. Echte Veränderung passiert nicht in der Kommentarspalte

In der Hundewelt – wie in so vielen anderen Bereichen auch – gibt es zu jedem Thema gefühlt fünfzig verschiedene Meinungen. Ob über Ernährung, Erziehungsmethoden, den Umgang mit Problemverhalten oder den perfekten Aufbau im Dummytraining: Jeder hat etwas zu sagen, oft verbunden mit einer starken emotionalen Aufladung.

Wenn ich mir anschaue, wie digitale Diskussionen ablaufen, merke ich schnell: Es geht selten um echtes Verstehen. Es geht um das Rechtfertigen, um das Lautersein und um das Abgrenzen.

  • Die Realität ist individuell: Als Hundetrainerin erlebe ich jeden Tag, dass es keine Pauschallösungen von der Stange gibt. Jedes Mensch-Hund-Team ist einzigartig. Komplexe Themen lassen sich nicht in einen Dreizeiler oder eine hitzige Online-Debatte pressen.
  • Der Fokus fehlt: Wer diskutieren will, sucht Bestätigung. Wer trainieren und verstehen will, schaut hin, hört zu und arbeitet kleinschrittig an den Grundlagen. Meine Energie stecke ich deshalb lieber direkt in die Praxis mit Menschen und Hunden als in den digitalen Schlagabtausch.


2. Die Anonymität des Bildschirms: Wenn das Netz zum Kindergarten wird

Ein ganz wesentlicher Grund, warum ich mich aus diesem digitalen Getümmel heraushalte, ist die Art und Weise, wie dort kommuniziert wird. Man muss sich das doch mal ganz nüchtern ansehen: Viele Beiträge und Antworten sind gezielt darauf ausgelegt, zu provozieren, anzuecken oder dem anderen verbal eins überzuwitzen.

Geschützt hinter dem eigenen Bildschirm, oft sicher im anonymen oder halbanonymen Raum, trauen sich Menschen Tonfälle und Aussagen zu, die sie vis-à-vis – also im echten Leben, von Mensch zu Mensch – niemals über die Lippen bringen würden.

Da wird die Höflichkeit über Bord geworfen, da wird pauschalisiert und verurteilt, ohne den Gegenüber überhaupt zu kennen.

Oft hat das Ganze System:

  • Um jeden Preis auffallen: Aufmerksamkeit ist im Netz zur Währung geworden. Wer laut schreit oder kontrovers tobt, bekommt Klicks und Reaktionen.
  • Bestätigung suchen: Es geht vielen gar nicht mehr um den sachlichen Austausch, sondern darum, sich in der eigenen Filterblase auf die Schulter klopfen zu lassen und den „Gegner“ vor versammelter digitaler Mannschaft alt aussehen zu lassen.
  • Das ständige Verlangen, im Gespräch zu bleiben: Egal ob Substanz dahintersteckt oder nicht – Hauptsache, der Name taucht auf.

Manchmal, wenn man durch diese Kommentarspalten scrollt, beschleicht mich ein Gefühl von Fremdscham. Es wirkt schlichtweg wie im Kindergarten: Da wird mit dem Förmchen geworfen, laut gerufen „Ich weiß aber besser!“ und auf Stampfen folgt der nächste verbale Hieb.

Mit echtem, erwachsenem Dialog oder einem konstruktiven Miteinander hat das für mich nichts mehr zu tun. Und ganz ehrlich: Meine Lebens- und Arbeitszeit ist mir einfach zu schade, um mich an digitalem Sandkastenspiel zu beteiligen.


3. Profilierung und Schaustellung: Die perfekt inszenierte Scheinwelt

Was ich inzwischen mindestens genauso befremdlich finde, wie die Streitsucht in den Kommentaren, ist die ständige Selbstprofilierung vieler Accounts. Das Internet – und vor allem Social Media – ist zu einer riesigen Bühne verkommen, auf der die eigene Perfektion zelebriert wird. Da werden makellose Fotos und schick geschnittene Filmchen geteilt, die eine völlig verzerrte Realität zeigen. Alles läuft immer super, der Hund pariert aufs Wort, die Partnerschaft ist harmonisch, der Alltag stressfrei und man selbst ohnehin die ausgeglichenste Persönlichkeit die in den Sonnenuntergang spaziert.

  • Der Druck des Scheins: Diese permanente Schaustellung einer heilen Welt setzt vor allem eins unter Druck: andere Menschen, die glauben, sie würden etwas falsch machen, weil bei ihnen eben nicht jeden Tag die Sonne scheint.
  • Echte Arbeit ist unperfekt: Wer mit Hunden arbeitet, weiß, dass der Weg das Ziel ist – mit all seinen Ecken, Kanten, Rückschritten und Fehlern. Echte Entwicklung ist messy. Sie lässt sich nicht in einen ästhetischen 15-Sekunden-Clip pressen, bei dem am Ende alles eitel Sonnenschein ist.

Ich muss niemandem mehr etwas beweisen und habe keinen Bedarf daran, eine glänzende Fassade aufrechtzuerhalten, die mit dem echten Leben da draußen nichts zu tun hat.


4. Ein kleiner Blick in den Spiegel: Ich war auch mal da

Das sage ich übrigens alles nicht, weil ich mich auf ein moralisches Podest stellen möchte – ganz im Gegenteil.

Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich war früher selbst Teil dieses Spiels.

Auch ich kannte diesen inneren Druck, unbedingt posten zu müssen, weil es alle anderen schließlich auch tun und der Algorithmus es verlangt. Auch ich habe mich dabei ertappt, wie man nach Aufmerksamkeit geschielt, vielleicht hier und da mal provokant etwas in die Runde geworfen hat, nur um im Gespräch zu bleiben und zu zeigen: „Hey, mich gibt es auch noch!“

Man lässt sich schnell anstecken von dieser Maschinerie, weil einem eingeredet wird, ohne ständige digitale Präsenz sei man unsichtbar.

Aber Menschen verändern sich zum Glück. Mit der Zeit, mit wachsender Lebenserfahrung und durch die tägliche Arbeit draußen in der echten Welt ändert sich auch die Einstellung. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt: Dieser künstliche Zirkus gibt mir absolut gar nichts. Er zieht nur Energie, die ich viel lieber in Dinge stecke, die wirklich zählen.

Wer diese Entwicklung einmal durchgemacht hat, schaut auf das digitale Hamsterrad plötzlich mit ganz anderen Augen – und steigt einfach aus.


5. Die Sehnsucht nach Offline und echtem Durchatmen

Draußen im Wald, in der Natur oder auf dem Trainingsplatz gilt eine andere Währung: Präsenz. Wenn man mit einem Hund unterwegs ist, der vielleicht gerade seine eigenen Pläne hat, oder wenn man ein Team dabei unterstützt, wieder mehr Ruhe und Verbindung zueinander zu finden, helfen keine virtuellen Debatten und keine inszenierten Posen.

Dort zählt der Moment. Beim Spaziergang mit Hund oder bei einer konzentrierten Trainingseinheit geht es darum, runterzufahren, den Lärm des Alltags auszublenden und sich auf das Wesentliche zu besinnen. Das Internet ist für mich oft das komplette Gegenteil: laut, schnell, reizüberflutet. Wer den ganzen Tag mit Fokus und Empathie arbeitet, sehnt sich in der Freizeit nach Ruhe – und die findet man eben nicht im ständigen digitalen Mitteilungsbedürfnis.


6. Qualität vor Quantität – Auch beim Content

Einfach nur etwas zu posten, um im Algorithmus stattzufinden, entspricht längst nicht mehr meinem Naturell. Wenn ich etwas teile, dann soll es Hand und Fuß haben, einen echten Mehrwert bieten oder authentisch aus unserer Arbeit und unserem Alltag entstehen.

Deshalb gilt für mich: Lieber kaum Beiträge posten, als inhaltsbefeuernden Lärm oder künstliche Perfektion zu produzieren.


Fazit: Raus aus dem Netz, rein ins echte Leben

Es ist völlig in Ordnung, eine Meinung zu haben und für Dinge einzustehen. Aber ich habe für mich gemerkt, dass meine Zeit und meine Kraft an anderen Orten besser aufgehoben sind: Nämlich dort, wo man direkt und ungeschminkt etwas bewirken kann – im echten Leben, im direkten Miteinander, im Training und draußen in der Natur.

Wer sich im echten Leben sachlich und auf Augenhöhe austauschen möchte – jederzeit gerne.

Aber das digitale Theater überlasse ich inzwischen gern anderen. Manchmal ist das Klügste, was man im Netz tun kann, einfach mal den Bildschirm auszuschalten, tief durchzuatmen und rauszugehen. Genau da trefft ihr mich nämlich am ehesten.